Was ist eigentlich der „Kontrakt mit dem Leser“?

contract-1229858_1280Neulich schaute ich die letzte Staffel der TV-Serie „How I met your mother“. Ich war von Freunden vorgewarnt worden, dass das Ende mir möglicherweise nicht gefallen könnte, und dementsprechend gespannt war ich, ob sich diese Prophezeiung bewahrheiten würde.

Am Ende (das ich an dieser Stelle natürlich nicht verrate) war ich verblüfft, weil die Geschichte eine Wendung nahm, auf die ich im Leben nicht gekommen wäre. Und dann fragte ich mich, warum eigentlich nicht. Immerhin bin ich eine relativ erfahrene Autorin, und es ist nicht leicht, mich mit Enden überhaupt noch zu überraschen.

Wenn man sich im Netz nach Reaktionen zu dem Ende der Serie umschaut, dann stößt man auf harsche Kritik. „Das schlechteste Ende einer Serie ever!“ scheint der Konsens zu sein.

Vermutlich liegt das daran, dass die Macher der Serie ein Element in die Story brachten, das dem Gefühl vieler Zuschauer nach dort nicht zu suchen hatte. Die Zuschauer fühlten sich getäuscht und in ihren Genreerwartungen betrogen. Kurz gesagt: Die Macher der Serie haben den „Kontrakt mit dem Leser (in diesem Fall dem Zuschauer)“ gebrochen.

Dieser Kontrakt ist nichts weiter als das Versprechen, dass der Leser das bekommt, was er von einer Geschichte erwartet. Platt gesagt: Wenn ich einen Thriller lese, in dem der Held einen Flughafen vor einem irren Geiselnehmer retten soll, dann muss diese Rettung am Ende auch passieren.

Man stelle sich einen Thriller vor, in dem am Ende der Held scheitert und der Flughafen in die Luft fliegt. Die Leser würden den Autor mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit in der Luft zerreißen, und dieser würde vermutlich nur schwer einen neuen Thriller unter Vertrag bekommen.

„Bei Liebesromanen muss es am Ende ein Happy End geben“, wäre eine weitere solche Genreerwartungen. Erfüllt eine Autorin diese Erwartung der Leserinnen nicht, so wird es Kritik hageln.

Und genau an diesem Beispiel lässt sich eben auch gut zeigen, dass es mit ehernen Regeln so eine Sache ist.

Manchmal werden Bücher, die die Lesererwartungen bewusst brechen, zu Riesenbestsellern. Man denke zum Beispiel an „Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes. Im allerbesten Falle, wie hier geschehen, etabliert ein solches Buch sogar ein ganz neues Subgenre (in diesem Fall die sogenannte „Leid-Lit“).

Wie so oft beim Schreiben gilt also auch hier: Man darf als Autor selbstverständlich die Regeln brechen, wenn man sich bewusst darüber ist, was es bedeutet und vor allem, was es für Folgen haben kann. Und damit man das sein kann, muss man die Regeln zunächst einmal kennen.

Kleiner Nachtrag: Mir hat übrigens das Ende von „How I met your mother“ gefallen. Vermutlich war ich zu froh darüber, endlich einmal wieder überrascht zu werden, sodass ich über den Vertragsbruch leicht hinwegsehen konnte.


Mehr über den Kontrakt mit dem Leser lässt sich im Seminar „Plotten für Chaoten“ von Kathrin Lange am 24.9. in Hannover erfahren.


Über die Autorin

Kathrin LangeKathrin Lange ist Autorin von historischen Romanen und Thrillern. Sie gibt Schreibseminare, aktuell u. a. an der Bundesakademie für kulturelle Bildung e.V. in Wolfenbüttel. Seit 2007 coacht sie Autoren zum eigenen Roman. Einige ihrer Schüler wurden nach der Veröffentlichung bereits mit Preisen ausgezeichnet. Kathrin Langes Jugendbuch „Schattenflügel“ stand auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Bei den Romanmentoren arbeitet sie mit einem langjährig bewährten Coaching-Konzept. Mehr Infos unter:http://www.kathrin-lange.de