(M)eine kleine Geschichte der Erzählperspektive

perspektiveAm vergangenen Wochenende fand in Hannover unser Schreibseminar zum Thema „Erzählperspektiven“ statt: „Ich oder er – oder doch lieber ein allwissender Erzähler?“

Unsere Seminarleiterin Kathrin Lange hielt darin unter anderem den folgenden Vortrag, in dem sie sich Gedanken darüber macht, wie die verschiedenen Erzählformen, die wir heute gemeinhin „Erzählperspektiven“ nennen, entstanden sind. Und sie hat uns erlaubt, den Vortrag in unserem Blog aufzunehmen:


Da uns aus sehr alten Zeiten Aufzeichnungen fehlen, fangen wir gleich mit Spekulationen an. Ich stelle mir vor, wie ein paar Neandertaler am Abend zu ihren Höhlen zurückkehren und den dort Wartenden erzählen, wie die Jagd verlaufen ist. Am Anfang war also vielleicht die Ich-Erzählung: Dann habe ich dem Mammut den Speer zwischen die Rippen gerammt. Auch sich eine Art von Er-Erzählung vorzustellen, ist nicht schwierig: Mein Gefährte hat mir den Weg gezeigt und gemeinsam haben wir …
Wenn ich mir das so vorstelle, frage ich mich, wann wohl das erste Mal ein Mensch auf die Idee kam, eine Geschichte zu erzählen, die er sich ausgedacht hatte. Vielleicht zunächst als Lüge, um nicht feige dazustehen? Später dann auch als Unterhaltung abends am Lagerfeuer. Und nicht zuletzt als Erklärungen für die große, rätselhafte Welt ringsherum: Mythen, Legenden, Gottesberichte, allesamt von Mund zu Ohr weitergegeben.

Erste Aufzeichnungen von Texten sind uns aus der babylonischen Zeit bekannt. Das Gilgamesch-Epos gilt als eine der ältesten schriftlich fixierten Dichtungen überhaupt und handelt hauptsächlich von dessen Suche nach der Unsterblichkeit. In dem Werk, von dem unzählige verschiedene Versionen existieren, mischen sich historische Begebenheiten mit mythischen, und im Grunde ganz ähnlich war das auch geraume Zeit später bei den großen Geschichtsschreibern der Antike der Fall. Nicht alles, was Caesar oder Tacitus über die Germanen niedergeschrieben haben, entspricht den Tatsachen, und wenn ich darüber nachdenke, stellt sich mir manchmal die Frage, wie viel davon reine Verleumdung war und wie viel kreative Energie, also schlichte Lust am Erzählen. Sachbuch und Fiktion gemischt, sozusagen.

Genauso habe ich Spaß bei der Vorstellung, dass heute noch seriöse Wissenschaftler nach Hinweisen für eine untergegangen Stadt namens Atlantis suchen, die sich Platon vielleicht bei dem ein oder anderen Krug Wein einfach nur ausgedacht hat.

Die ersten wirklich “literarischen” Formen entstehen aus Liedern: Stabreim und Endreim im Frühmittelalter, wie z.B. beim Hildebrandslied oder bei Otfried aus dem 8. Jahrhundert. Es lässt sich leicht begreifen warum: Die Erzähler, die ihre schier endlosen Epen zum Besten gaben, mussten Methoden finden, sich Text von der Länge hunderter Seiten zu merken. Jeder, der sich schon einmal gewundert hat, warum er sich einen Liedtext sehr viel besser einprägen kann als ein Gedicht, erkennt den Sinn dieser lyrischen Formen.
Aus diesem Grund bestand die Literatur in dieser Zeit ausschließlich aus Lyrik. Zwar spricht man von den sogenannten “Ritterromanen”, aber auch sie sind in Versform geschrieben.
Bis hin zu Martin Opitz’ “Buch von der deutschen Poeterey” aus der Mitte des 17. Jahrhunderts galt die Lyrik als einzige vertretbare literarische Form, und auch Opitz’ selbst richtet streng über alles, was nicht genau vorgegebenem Versmaß folgt.
Aber natürlich regt sich Widerstand.

Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen schreibt mit seinem “Simplicissimus” eine der ersten Geschichten, die die Bezeichnung “Roman” im heutigen Sinne verdient und die sich dadurch auszeichnet, dass real existierende Begebenheiten in die Geschichte einfließen. Der 30-jährige Krieg und seine Schrecken als Thema.
Irgendwann im Laufe der Jahrhunderte trennt sich die Literatur in die drei großen Bereiche Lyrik, Drama und Prosa. Dieser Beitrag folgt ab jetzt nur noch der dritten Kategorie.
Die deutsche Klassik trägt ihren Namen auch deshalb, weil während ihr die Literatur geradezu explodierte. Die Schriftsteller rund um Christoph Martin Wieland, Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller “erfinden” innerhalb kürzester Zeit die Rückblende, das Stilmittel der Vorausdeutung und auch den fiktiven Erzähler, der sich als “Allwisser” an den Leser wendet. Äußere Geschehnisse, die bisher die Handlungen von Literatur dominiert haben, verwandeln sich in Abenteuer der Persönlichkeitsentwicklung.
Und es geschieht noch mehr.

Mit seinem “Werther”, einem Briefroman, schafft Goethe es, eine derartige Identifikation der Leser mit ihrem Helden zu erreichen, dass sich die Menschen reihenweise umbringen. Durch die Autoren des Sturm und Drang, die sich im Widerspruch zu der bisher vorherrschenden strengen Poetik befinden, schwingt das Pendel in die genau entgegengesetzte Richtung: Galt es bisher als notwendig, sich strengsten poetischen Regeln zu unterwerfen, um “gute” Literatur zu verfassen, gilt bald genau das Gegenteil: Man könne das Schreiben nicht lernen, müsse es ganz aus sich selbst herausholen. Der Geniegedanke entsteht, und macht uns heute noch zu schaffen. (Ich frage mich manchmal, ob sich Martin Opitz über den Vorwurf, den Unterhaltungsautoren ständig aushalten müssen, nämlich den, nach Schema F zu schreiben, vielleicht sogar gefreut hätte.)
Die erlebte Rede taucht in kurzer Form erstmals in den Werken dieser Zeit auf, etablieren sich aber erst später durch moderne Autoren wie Jane Austen oder Gustave Flaubert.
Jean Paul “erfindet” im frühen 19. Jahrhundert den sogenannten “enzyklopädischen” Roman, der sich in Abschweifungen und poetologischen Kommentaren ergeht. Man fängt an, in fiktionalen Texten über das Schreiben zu schreiben. Und die Metafiktion wird erfunden: Mit Ludwig Ticks “Der gestiefelte Kater” entsteht erstmals ein Text, der die Illusion zerstört, dass er Wirklichkeit simuliert.

Zusammenfassen lässt sich diese rasante Entwicklung der Prosa mit Friedrich Schlegels schönem Satz: Dem Roman ist alles erlaubt. Und natürlich nimmt das ein wenig bereits die Entwicklungen der Moderne vorweg, mit denen Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts der Roman noch einmal einen großen Schub vorwärts macht, indem er beginnt, innere Vorgänge nicht nur zu schildern, sondern den Leser daran teilhaben zu lassen. Die personale Erzählperspektive entsteht. Der Leser rückt immer dichter an die Figur heran – und schlüpft schließlich vollständig in ihren Kopf hinein.
Was mit der erlebten Rede begann, setzt sich jetzt in der Erfindung von innerem Monolog und dem sogenannten Bewusstseinsstrom (“stream of consciousness”) fort. Tolstoi verwendet den Bewusstseinsstrom erstmals 1878 in “Anna Karenina”, aber etablieren wird sich dieses Mittel erst unter Autoren wie James Joyce (“Ulysses”) und Virginia Woolf, ebenso, wie der innere Monolog in Marcel Prousts “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” seine Glanzstunde erfährt.

Mit der Beginn der Postmoderne schließlich weiten sich die Möglichkeiten noch einmal. Es wird kombiniert, dekonstruiert, experimentiert. Heutige Autoren sind – ebenso wie die Autoren aller Zeiten – auf der Suche nach neuen Erzählformen, nutzen graphische Elemente in ihren Erzählungen, wie z.B. Therézia Mora in “Das Ungeheuer”, oder befassen sich gleich mit den Möglichkeiten und Mitteln der neuen Medien wie Hyperlinks und Multimedia-Elementen.


Über die Autorin

Kathrin LangeKathrin Lange ist Autorin von historischen Romanen und Thrillern. Sie gibt Schreibseminare, aktuell u. a. an der Bundesakademie für kulturelle Bildung e.V. in Wolfenbüttel. Seit 2007 coacht sie Autoren zum eigenen Roman. Einige ihrer Schüler wurden nach der Veröffentlichung bereits mit Preisen ausgezeichnet. Kathrin Langes Jugendbuch „Schattenflügel“ stand auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Bei den Romanmentoren arbeitet sie mit einem langjährig bewährten Coaching-Konzept. Mehr Infos unter: http://www.kathrin-lange.de