Eine kleine Typologie des Bösen

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Nancy Kress hat einmal eine kleine Typologie des Bösen aufgestellt, die sich gut eignet, um funktionierende Antagonisten (oder auch Protagonisten, sofern man einen Bösewicht dazu machen möchte!) zu entwerfen. Wir präsentieren einen kleinen Auszug:

• Der Bösewicht aus Zufall: der klassische tragische Held, der aus einem charakterlichen Fehler oder einer Schwäche heraus, die er nicht kontrollieren kann, Böses tut. Dieser Typus ist im Grunde sympathisch und reflektiert. Beispiel: Shakespeares Macbeth.

• Der examinierte Bösewicht: Er will ausdrücklich und vorsätzlich Böses tun. Er ist unsympathisch oder höchstens halb-sympathisch. Er steht im Zentrum der Geschichte und ist dann Gegenstand einer Studie über das Böse. Beispiel: Dostojewskis Raskolnikow.

• Der Überraschungs-Bösewicht: Er wird als Nebenfigur eingeführt, ist meist eher unsympathisch und entpuppt sich im Laufe der Handlung als der gesuchte Verbrecher. Typisch für den Kriminalroman. Der Leser sollte keinen Zugang zu den Bewusstseinsprozessen dieser Figur haben, sondern allenfalls ihre Handlungen beschrieben finden.

• Der Standard-Bösewicht: Die Extremvariante, wie aus vielen Filmen, z.B. James Bond-Filmen, bekannt. Psychologisch nicht ausgearbeitet, plakativ und übertrieben. Sie zu erfinden, bedeutet vor allem, sich neue Dimensionen des Verbrechens einfallen zu lassen, darin liegt ihr Reiz.

• Der Standard-Bösewicht II: Die alltägliche, nicht überlebensgroße Variante des Bösen, der aus Dummheit, Pflichtgefühl, Routine oder Unachtsamkeit das Leben anderer runiert. Dieser Bösewicht sollte ausgearbeitet sein, und sein Handeln sollte – zumindest für ihn selbst – gerechtfertigt sein.
(Nancy Kress, Dynamic Characters. 1998. 127 ff.; zitiert nach Otto Kruse, Kunst und Technik des Erzählens.)